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SELBSTTÖTUNGReichenbach. Der Mann heißt Richard Schmitt. Er ist Mitte 40. Er lebt irgendwo hier in der Region. Und er droht mit Selbsttötung. Wenn, ja wenn er nicht seinen Führerschein zurückbekommt. Das ist die Geschichte, die dem Monologstück "Schmitt Solo'' von Christian Martin zu Grunde liegt. Der Ellefelder Autor, Jahrgang 1950, las sein Stück am Freitagabend im Neuberin-Museum; am 2. Oktober wird es im "theater rampe stuttgart'' seine Uraufführung haben. Christian Martin liest den in einem ans Vogtländische angelehnten Kunstdialekt geschriebenen Monolog zügig, aber betont und pointiert. Die Sprache ist einfach. Doch sie besitzt Kraft. Und sie trägt schöne Bilder in sich, wie: "Ich tauche ein in die Dunkelheit eines kommenden Lichts''. Die Geschichte selbst fließt. Sie leidet unter keinem Ballast. Diese Geschichte, die sich ebenso unwirklich wie kurios anhört, beinahe aufgesetzt wirkt. Aber sie entstammt der Realität. Vor einigen Jahren stieß der Autor auf einen Zeitungsbericht, der sich mit dem Fall eines 51-jährigen Dresdeners beschäftigte. Dieser hatte an verschiedene sächsische Politiker geschrieben und die Rückgabe seines Führerscheins gefordert. Sollte sein Verlangen nicht erfüllt werden, drohte er mit seiner Selbsttötung. Von der Wirklichkeit zur Bühne: Da hockt Schmitt nun in seinem unaufgeräumten Zimmer und telefoniert mit der Polizei. Er erzählt sein Leben, für das er ein vernichtendes Urteil findet: "Verpfuscht!''. Dass er nicht absichtlich zu schnell gefahren sei, sagt er, die Radarkontrolle früh morgens um halb fünf moderne Wegelagerei. Er bittet, bettelt, fleht - und droht. Er brauche seinen Führerschein. Nicht nur, weil sein 350-PS-Bolide seine ganze Leidenschaft ist. Nein, er muss doch zur Arbeit fahren. Und von seiner Frau erzählt er, die ihm nach 24 Ehejahren weg gelaufen ist, weil sie sich wegen des Autos und der Führerscheinsache in der Wolle hatten. Und von der Hoffnung erzählt er, Autoverkäufer zu werden. Aber die ist ebenfalls geplatzt - er ist zu alt. Christian Martin schildert einen Menschen, der aus den eingeschliffenen Gleisen geworfen wurde und nun wild strampelt wie ein Käfer auf dem Rücken. Einen, der aufbegehrt gegen vermeintliche Ungerechtigkeit, gegen Staat und Bürokratie. Einen Duckmäuser, der endlich einmal das Jetzt-aber-und-jetzt-erst-recht! probt. "Verweigerer aller Länder, vereinigt euch'', skandiert Schmitt. Er meutert, durchaus auch verletzt in seiner Eitelkeit, weil ihm mit seinem Führerschein das Wichtigste genommen wurde: sein Auto. Der Gegenstand, der ihn irrigerweise aus dem tristen wie banalen Alltag befördern könnte. Der Traumwagen, der ihn zu den Träumen fährt; der aber doch auch zur Lebensgrundlage gehört, Notwendigkeit und überhöhter Status in einem ist. Christian Martins Monologstück gerät so zur Parabel über die mobilisierte wie die Gesellschaft an sich. Das Goethe-Zitat "Hilfreich sei der Mensch, edel und gut'' legt der Autor seinem Helden umformuliert in den Mund: "Flexibel sei der Mensch, dynamisch und voll erloschener Glut''. Denn Schmitt ist einer von vielen, die den gesellschaftlichen Überanforderungen nicht mehr gewachsen sind. Schmitt erweckt Mitleid und macht sich zugleich lächerlich in seiner armseligen Wut und Verzweiflung. Doch das Lachen über die tragikkomischen Elemente des Monologs erstickt im Hals. Schmitt wird trotz aller Versuche Teil des Räderwerks bleiben, aus dem er nun partout ausbrechen will. Schmitts Schicksal ergreift ähnlich wie das der Hauptpersonen Sandy und Andy in Martins Theaterstück "Vogtländische Triologie''. Denn der Autor entblättert auch hier den Menschen. Er bricht den (Schutz-)Panzer auf, schält die Äußerlichkeiten ab, dringt zur Seele vor - und präsentiert schonungslos deren Verletzlichkeit. Obwohl oder gerade weil Schmitts Reaktionen und sein Agieren so töricht und grotesk erscheinen, stimmen sie nachdenklich. Sie halten dazu an, die Bremse im Höher-Schneller-Weiter-Wahn zu ziehen. "Tragödien sind zurzeit nicht so gefragt'', erklärt der Autor nach der Lesung. Auch deshalb habe er die Geschichte in ein satirisches Gewand gekleidet. Dennoch. Mit "Schmitt Solo'' schuf der Ellefelder Dramatiker Christian Martin kein Schmunzelstück. Es beschreibt "nur'' das Leben in unserer Zeit. Mehr über Selbsttötung: |
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